DRÜBERLEBEN nach dem Roman von Kathrin Weßling, für die Bühne bearbeitet von Frank Oberhäußer

Mit Lisa Marie Becker

Regie: Frank Oberhäußer
Regieassistenz: Christina Ostrowski
Dramaturgie: Angela Löer
Ausstattung: Olga Lunow
Video- und Sounddesign: Gernot Wöltjen

DRÜBERLEBEN

nach dem Roman von Kathrin Weßling

„Ich bin ein menschlicher Verkehrsunfall. Irgendwann bin ich einfach stehengeblieben, und dann sind die Ereignisse wie LKWs in mich hineingefahren.“


Eine junge Frau erzählt, wie sie sich zum wiederholten Mal freiwillig in eine psychiatrische Klinik einweist. Der Grund: F 32.2., schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome. Auf dem Weg dorthin, in der U-Bahn: Durch die Fenster der Häuser sieht sie Menschen, die ein gesundes Leben führen, gesunde Dinge essen, gesunden Sex haben. Wie machen die das nur mit dem Leben?

Drüberleben ist das Protokoll eines Klinikaufenthaltes und die Geschichte einer Freundschaft. Eine sprachlich wilde, wütende aber auch witzige Suche nach dem Grund für eine Krankheit, die letztendlich nicht auf eine einzige Ursache zurückzuführen ist.

Die Romanvorlage der Autorin und Poetry-Slammerin Kathrin Weßling ist aus ihrem preisgekrönten Blog über die eigenen Depressionen entstanden. Die Vaganten bringen Drüberleben in einer Fassung für eine Schauspielerin und ihren Laptop auf die Bühne.

Premiere am 9. September 2015 um 20 Uhr


Trailer DRÜBERLEBEN


Kathrin Weßling im Interview

Wenn andere Leute diesen Text sprechen, ist das für mich einfach gigantisch!

Stehst du der Digitalisierung unseres Alltags eher skeptisch oder eher euphorisch gegenüber?

Ich gehe als Social Media Managerin und Online-Redakteurin von Berufs wegen eher rational daran. Ich mag die Vernetzung und die Einfachheit. Ich bin ja auch damit aufgewachsen und habe diese ganze Entwicklung von den ersten Chatrooms bis heute mitbekommen. Ich bin zwar kein Digital Native, aber ich habe Internet, seitdem ich 13 bin. Aber es gibt natürlich auch viele Nachteile.

Mir hat mal ein Lehrer erzählt, dass seine Schüler gar nicht mehr zwischen der digitalen und der dinglichen, analogen Welt unterscheiden. Glaubst du, es ist wichtig, bei Jugendlichen ein Bewusstsein für die Unterscheidung zwischen diesen beiden Welten zu schärfen oder ist diese Unterscheidung vollkommen überholt?

Nee, ich finde es tatsächlich veraltet. Ich halte das für eine höchst anachronistische Einstellung. Wir müssten über den Begriff der Realität sprechen: Was ist denn Realität? Wo findet die statt? Für mich ist eine Unterhaltung im Netz genauso real wie eine Unterhaltung mit jemandem der am Nebentisch sitzt. Das ist, glaub ich, eher eine Gewöhnungs- und Bewertungssache. Im Endeffekt ist beides eine Form von Unterhaltung und deswegen mache ich diese Unterscheidung höchstens in der Kommunikation mit anderen Leuten. Ich weiß, dass sie die machen, aber in mir drin existiert sie nicht.

Du schreibst, du bist „im Internet aufgewachsen und Facebook ist dein Wohnzimmer“. Irgendwo hab ich auch den Satz von dir gehört, eine dunkle Spelunke hätte dir schon mehrmals das Leben gerettet. Gibt es von einer dunklen Spelunke auch eine Entsprechung im Internet?

Es muss sich nicht jedes digitale Phänomen in der kohlenstofflichen Welt wieder finden und umgekehrt! Es geht auch gar nicht darum, dass das Digitale alles ersetzen muss, es ist einfach eine Ergänzung. Das Digitale findet viel im eigenen Kopf statt. Es ist ein nach außen hin stummes Gespräch. Man schreibt Nachrichten, man tweetet Sachen, man bekommt Informationen. Was ich merkwürdig finde, ist diese Verteufelung davon. Wenn man ein Buch liest, führt man ja auch einen Dialog mit sich selbst und ist dabei ganz stumm. Oder wenn Leute sich darüber aufregen, dass in der Bar immer alle auf ihre Smartphones gucken – ja, ok, aber früher haben halt alle auf ihre Zeitungen geguckt. Das ist so ein krasses Festhalten an Dingen, die man schon länger kannte. Und man darf aber auch nicht vergessen, dass das alles eine superjunge Entwicklung ist. Facebook gibt es ja erst ein paar Jahre.

Ida Schaumann – die Protagonistin in „Drüberleben“ - sagt an einer Stelle im Roman „Ich bin in allen sozialen Netzwerken angemeldet, was absolut lächerlich ist, wenn man bedenkt dass ich gar keine Freunde mehr habe und seit Monaten überhaupt keinen sehe, weil ich mich nicht traue, das verdammte Haus zu verlassen.“ Sind die sozialen Netzwerke in Idas Situation eher Fluch oder eher Segen? Würde Ida oder ihr Umfeld ohne Internet schneller realisieren, dass sie ernsthafte Probleme hat, die sie alleine nicht lösen kann?

Ich glaube es ist beides, Fluch und Segen. Man kann in der online Welt sehr verschwinden, wobei man am Ende einfach in sich selbst verschwindet, weil es dann nur noch ein permanenter innerer Dialog mit sich und ein Kreisen um sich selbst ist. Es fehlt ja alles, was mit menschlichem Kontakt einhergeht: Nähe, Gerüche und eine richtige Gegenkommunikation. Für viele Menschen ist es aber die einzige Möglichkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und Menschen kennenzulernen, die einem ähnlich sind. Zum Beispiel schwule Jungs auf dem Land vor 20 Jahren – wo konnten die entspannt jemanden kennenlernen? Wenn man in ländlichen Gebieten ein bisschen anders ist, dann gibt einem das Internet die Möglichkeit, Kontakt zu anderen zu haben. Ich bin ja selber auch auf dem Land aufgewachsen. Für mich waren die ersten Blogsysteme, wie LiveJournal wirklich das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, mich mit Menschen zu unterhalten, die mir ähnlich sind. Es hat mir wirklich Hoffnung gegeben weil ich wusste, ok wenn ich hier weg ziehe, gibt es da draußen Menschen, die mir ähnlich sind. Die sind in großen Städten und die kann ich kennen lernen.

Es gab viele Reaktionen auf deinen Blog und auf den Roman. Haben sich von dem Buch auch ältere Menschen angesprochen gefühlt? Oder waren das eher Gleichaltrige oder Jüngere?

Nee, überhaupt nicht. In der ersten großen Welle waren es eher die Menschen von Anfang 20 bis Mitte 30, aber die meisten Reaktionen bekomme ich mittlerweile von Menschen, die Mitte 40 bis Anfang 60 sind. Die können sich zwar nicht in der Lebensrealität von Ida, aber in ihren Gedanken in der Klinik und über ihre Depression wiederfinden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jeder sich irgendwie darin wiederfindet, selbst Leute die keine Depressionen haben, sagen, dass sie die Gedanken von Ida gut kennen.

Wie ist es für dich, dass dein Buch nun schon zum zweiten Mal den Weg ins Theater findet?

Oh, dass ist so wunderschön für mich! Ich komme ja eigentlich auch vom Theater. Die ersten zwei Jahre in Hamburg hab ich am Theater gearbeitet und ich war mir eigentlich supersicher, dass das mein Weg sein wird. Leute fragen mich immer, das muss doch so toll sein, wenn Menschen einem begeisterte Rezensionen schreiben - das ist auch wunderschön, aber wenn ich es auf einer Bühne sehe und andere Leute den Text sprechen, ist das für mich einfach gigantisch!

Hast du denn eine Vorstellung, wie du es auf die Bühne bringen würdest?

Nee, ich glaube, dass ich dafür zu nah dran bin. Ich habe meine Bilder im Kopf. Es ist zwar vieles nicht wirklich passiert, aber das was passiert ist, sind so starke Bilder, dass ich mich davon nicht lösen könnte. Ich könnte es mir vielleicht als Film vorstellen.

Es bleibt ja nicht aus, dass man sich bei einem Roman, der stark autobiographisch geprägt, aber trotzdem fiktional ist, immer fragt, was wirklich passiert ist und was erfunden ist - man zieht automatisch Parallelen…

Vieles in dem Buch ist nicht tatsächlich passiert, es ist einfach für das Konstrukt der Geschichte wichtig. Mir war klar, wenn ich so eine Art Buch schreiben möchte, dann soll es für mich auch eine schriftstellerische Herausforderung sein und das wäre es nicht, wenn ich mein Tagebuch da reingeschrieben hätte. Dann wäre auch jede Kritik eine Kritik an meinem eigenen Leben und an meinen Gedanken darüber, das wäre mir viel zu nah gewesen. Also es ist viel, viel, viel davon passiert, aber nicht die ganze Geschichte.

Wir sprachen letztens in der Probe über das Ende des Romans. Und waren uns dann nicht ganz einig über diese Autofahrt und diesen Moment, wo sie überlegt…weißt du ja …Kann es so einen Moment wirklich geben, in dem man sich dann dagegen entscheidet, sich das Leben zu nehmen und danach fühlt sich alles anders an?

Ja. Den gibt es. Ich habe ihn aber erst 1,5 Jahre nach der Buchveröffentlichung gehabt. Da gab es einen Moment in meinem Leben, wo ich mich tatsächlich einmal grundsätzlich entscheiden musste, ob ich leben oder sterben möchte. Und da hab ich gemerkt, dass diese Entscheidung tatsächlich alles andere beeinflusst. Man kann nicht die ganze Zeit in so einer Graustufe rumeiern und das ist eine Depression: Man will irgendwie leben, die Depression sagt einem aber, dass man eigentlich  nicht leben möchte, dann will man aber auch gleichzeitig nicht so leben, wie man lebt - das ist ein ständiges Kämpfen und Aushandeln mit sich selber. Irgendwann war mir klar, es muss einmal diese Entscheidung geben und die hat auch tatsächlich alles geändert. Statt Nachgeben und Hingeben der Gedanke: „Ok, ich hab mich jetzt entschieden, dass ich leben will, dann muss ich auch alles dafür tun, dass ich das kann.“

Letzte Frage: Dein neues Buch – gerade rausgekommen, ne?

Ja!

Worum geht’s? Liebe, oder?

Oh ja. Miese fiese Liebe!

Ist es auch bühnentauglich?

Das hab ich mich tatsächlich letztens auch gefragt. Schwer zu sagen, bei „Drüberleben“ wusste ich’s auch nicht. Prinzipiell kann man ja aus allem einen Bühnenstoff machen, das sieht man ja auch bei Ingeborg Bachmann, wenn ich z.B. „Malina“ lesen würde, würde ich auch nicht denken, dass man das auf eine Bühne kriegt. Oder Jelinek, oder Peter Handke, irgendwie wird das dann inszeniert und ich bin jedes Mal erstaunt, dass das geht.

Hast du auch mal überlegt, ein Theaterstück zu schreiben?

Ja, ich hab sogar schon ganz oft welche geschrieben, aber ich war damals noch nicht so weit. Auf jeden Fall ist mein neues Buch Morgen ist es vorbei auch das allerletzte so introvertierte Buch. Ich hab voll Bock, beim nächsten Mal ein Buch zu schreiben, in dem auch im Außen mal richtig viel passiert!

Und, hast du schon Pläne?

Ja, also ich habe eine Idee. Ich hatte eigentlich gedacht, dass ich nie wieder eins schreibe, aber doch. Ich habe schon wieder angefangen…

Das Gespräch führte Angela Löer

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Frank Oberhäußer im Interview