Liebe Besucher,

einige Bühnen nennen sich "zeitgenössisches Theater" oder "Theater für Zeitgenossen" - sonderbar. Für wen denn sonst ist Theater da?

Auf jeden Fall sind die Vaganten in der neuen Spielzeit am Puls der Zeit mit ihren "zeitgenössischen" Theaterproduktionen. Sweet Home Europa heißt Davide Carnevalis absurd-verrückte Parabel vom Fremdsein im eigenen oder Zuhause-Sein im fremden Land, Premiere am 6. Oktober 2016, Regie führt Stefan Lochau. Privater geht es in dem wunderbar bösen Theaterstück Whiskey and Sugar des Autors Mike Sage zu, das als Uraufführung in der Regie von Hartmut Uhlemann am 27. Oktober 2016 Premiere haben wird - ein spannendes, witziges Duell zweier Frauen, die um ihre Sicht auf das Leben und die Liebe einer toten Frau kämpfen, deren Asche sich nicht wehren kann.

Am 8. und 9. November 2016 kommt aus Anlass der Ereignisse in der sogenannten Reichskristallnacht Novemberprotokoll - Der Anfang der Endlösung, eingerichtet von Pio Federman, auf den Spielplan. Darin geht es um die Schadensregulierung nach den Pogromen 1938, als die Nazis Gesetzesänderungen über Nacht umsetzten, um die ungeheuren Schadenssummen selbst zu kassieren. Und am 24. und 25. Januar 2017 kommt noch einmal aus Stockholm das Gastspiel Das gelbe Stück Stoff mit Jovan Rajs zu den Vaganten. Als Kind wurde Jovan Rajs nach Deutschland deportiert - nach Bergen-Belsen. 72 Jahre später steht der heute in Schweden lebende "child-survivor" auf einer deutschen Bühne - als Darsteller seines Lebens.

Ein rasanter Theaterspaß geht vorher, ab 6. Dezember 2016, mit der Premiere von Tour de Farce in der Regie von Andreas Schmidt über die Bühne. Fünf Männer und fünf Frauen, gespielt von zwei Darstellern, durchleben in neunzig Minuten in einem Hotelzimmer die Höhen und Tiefen des Lebens mit allem, was Karriere und Zweierbeziehungen so am Laufen hält. Der Regisseur von Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt!) zeigt erneut, wie wild und turbulent es auf der Bühne der Vaganten zugehen kann.
Drei Unternehmensberater im Hotel Hölle: Zeit der Kannibalen heißt das Stück nach dem gleichnamigen Film von Johannes Naber, das erstmals in Berlin bei den Vaganten am 2. Februar 2017 in der Regie von Bettina Rehm auf der Bühne zu sehen ist. Der Stoff seziert mit bitterbösem Humor die Neurosen unserer Optimierungsgesellschaft.

Im Repertoire bleibt die als Theaterparcours inszenierte, in und mit dem Hotel Savoy durchgeführte Produktion Menschen im Hotel nach Vicki Baums Roman, der uns in die taumelnde Welt der zwanziger Jahre entführt. Im rekordhaltenden 19. Jahr sind weiterhin Shakespeares sämtliche Werke zu sehen. Martin Walsers Die Zimmerschlacht -"die Ehe als Schauplatz eines Krieges, den man nicht gewinnen kann"- und Yasmina Rezas Drei Mal Leben (ein Abend, zwei Paare und ein Monsterkind - wie eine Party in einer Katastrophe endet) sind ebenso im Repertoire wie Drüberleben (eine junge Frau auf der Suche nach den Ursachen ihrer Depression) von Kathrin Weßling und Moby Dick nach dem Roman von Herman Melville . Auch Philipp Löhles grandios-böse und entwaffnende Antwort auf die Flüchtlingsdebatte Wir sind keine Barbaren! bleibt auf dem Programm der neuen Spielzeit. Auch weiterhin begeben wir uns einmal im Monat mit Reinhard Scheunemann in der Montagslesung auf Streifzüge durch das literarische Berlin.

Wir freuen uns auf Sie.

Jens-Peter Behrend