Schauspiel nach dem Roman von Kim de l’Horizon
in einer Fassung von Max Radestock und Daniela Guse
Ein poetischer, märchenhafter Abend, über die Dinge, die uns werden lassen, wer wir sind.
Wie werden wir, wer wir sind? Dieser Frage geht die nonbinäre Erzählfigur Kim in “Blutbuch” auf den Grund. Es entsteht eine poetische Erzählung über nicht definierbare Körper, über das Schweigen innerhalb der eigenen Familie. Über die Großmutter, liebevoll im berndeutschen Dialekt “Großmeer” genannt, die langsam ihre Erinnerungen verliert. Über Meer, die Mutter, die zur Eishexe werden kann. Und über die Blutbuche, die der Urgroßpeer für seine liebste, aber verstorbene Tochter gepflanzt hat und die in das Kind Kim hineinzuwachsen beginnt. Denn Kims Körper hat keine Grenze.
Langsam spinnen sich die Erinnerungsfäden zusammen, suchen nach der anderen, der weiblichen Blutslinie der Familie. Einer anderen Form der Überlieferung. Sie erzählen von den Narrativen, die uns prägen, von der subtilen Gewalt, mit der wir aufwachsen, weil sich Erfahrungen in unsere Vorfahren eingeschrieben haben, die sie an uns weitergeben.
“Blutbuch” ist der Debütroman von Kim de l’Horizon, für den Kim 2022 den Deutschen Buchpreis und den Schweizer Buchpreis erhielt. Der Roman sucht nach einer Sprache, die bezeichnen kann, was jenseits der bestehenden Kategorien existiert. Eine Sprache, die versucht das Dazwischen zu beschreiben. Kim de l’Horizon nennt die sich daraus ergebende Schreibweise “écriture fluide”.
Mit:
Julian Trostorf, Annemie Twardawa, Emma Zeisberger
Regie: Max Radestock
Bühne und Kostüme: Clara Wanke
Puppenbau: Annemie Twardawa
Sounddesign: Gabriel Wörfel
Dramaturgie: Daniela Guse
Regieassistenz: Charlotte Domingo-Vecchioni
Bühnenbildhospitanz: Mia Rentschler
Licht: Janis Willhausen, Frederik Wohlfarth
Annemie Twardawa (AT) im Gespräch mit Dramaturgin Daniela Guse (DG)
DG: Was macht für dich das Besondere im Zusammenspiel von Puppen- und Schauspiel aus?
AT: Das Besondere am Puppenspiel ist, dass es viele zusätzliche Theatermittel auf der Bühne eröffnet, die man beim Schauspiel oft nicht in der Bandbreite sieht. Am Zusammenspiel zwischen Schauspiel und Puppenspiel ist toll, dass die Auseinandersetzung mit dem Stoff während der Proben intensiver ist. Beim reinen Puppenspiel passiert das auch, aber eher im Vorfeld, wenn die Puppenform und die Stückauswahl festgelegt werden. Aber inhaltlich zu forschen, wie unsere drei Körper und das vorhandene Material auf der Bühne etwas Metaphorisches erzählen kann, finde ich toll und besonders in diesem Zusammenspiel.
Besonders ist auch, dass Menschen auf der Bühne stehen, denen man durch das Puppenspiel ermöglichen kann, eine andere persönliche Ebene zu zeigen.
DG: Wie wird Puppenspiel in Blutbuch eingesetzt?
AT: Einerseits gibt es konkret die Figur der Großmeer, die als Puppenkopf, aber ohne Körper auf der Bühne ist. Wir geben ihr verschiedene Formen von Körpern, entweder zu dritt oder auch mit Material. Sie ist dadurch nicht real auf der Bühne, sondern eher fragmentarisch in unserer Erinnerung…
«Ein poetischer Abend über Leben abseits der Normen.»
– Uwe Sauerwein, Berliner Morgenpost, 22.04.2026
«Regisseur Max Radestock hat mit seinen Spielenden, mit dem Ausstattungs- und dem technischen Team eine Aufführung geschaffen, die als Gesamtkunstwerk bezeichnet werden muss. Ein unkonventioneller Umgang mit Sprache, das Zusammenspiel der dreigeteilten Erzählperson mit der Puppe und die szenischen Lösungen faszinieren über die gesamten 95 Minuten.»
– Sibylle Marx, Kulturvolk-Bühnenkritik, 11.05.2026
«Als die drei verschwitzten Erzählfiguren die Großmeer nach gut 90 Minuten schließlich zu Grabe tragen, haben sie geschafft, woran Generationen vor ihnen gescheitert sind: das Schweigen zu durchbrechen.»
– Lilly Schröder, taz, 22.04.2026