Hinter den Kulissen
Lars Georg Vogel, Künstlerischer Leiter der Vagantenbühne, im Gespräch mit Dramaturgin Daniela Guse
DG: Was darf das Publikum in der kommenden Spielzeit 2026/27 erwarten?
LGV: Spannende Geschichten und Stoffe, die unmittelbar mit unserem Kiez zu tun haben! Den Auftakt macht Lily Kuhlmann mit Kästners Berlin-Roman Fabian. Der Gang vor die Hunde. Eine Inszenierung, die das berühmte Nachtleben auf Kantstraße und Ku'damm in den 1920er Jahren auf die Bühne holt. Lily Kuhlmann ist dem Publikum bereits durch ihre Inszenierung von Der Besuch der alten Dame bekannt. Außerdem werden mit Tim Adam, dessen Inszenierung Die Welt im Rücken als Übernahme des E.T.A. Hoffmann Theaters in Bamberg zu uns an die Vagantenbühne kommt, und Rosa Rieck zwei neue Regiehandschriften im Programm sein. Rosa Rieck hat sich durch die Lage der Vagantenbühne zwischen Bahnhofsmission und Waldorf Astoria dazu inspirieren lassen Stolz und Vorurteil aus der Sicht von Mrs. Bennett zu erzählen. Sie wird sich auf den Klassismus und die Angst vor Altersarmut und sozialem Abstieg, die Jane Austen in ihrem Roman thematisiert, konzentrieren. Ich selbst werde das Stück Späti Paradies der Autorin Juliane Hendes inszenieren. Der Späti als Berliner Institution und Ort an dem sich Lebensgeschichten kreuzen wird darin im Mittelpunkt stehen.
DG: Inwiefern bestimmen die anhaltenden Kürzungen im Kulturhaushalt des Senats weiterhin die Spielplanplanung?
LGV: Ich nehme dafür ein Zitat aus meiner Inszenierung Die Welt von Heute und Gestern als Leitsatz: Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht. Es bleibt nur mit frischem Mut voranzugehen und die Planungen voranzutreiben. Aber es wäre auch falsch zu verschweigen, dass die anhaltende Unsicherheit über die Höhe der tatsächlichen Kürzungen die Planungen erschwert. Zum Glück lassen sich unsere Künstler:innen am Haus darauf ein, dass wir spontaner planen müssen. Nach wie vor ist unsicher, ob wir im kommenden Haushaltsjahr eine vierte Produktion spielen können, da die Kürzungen nur im künstlerischen Etat umgesetzt werden können. Der Großteil unseres Budgets fließt in die Miete und die Gehälter der Festangestellten. Nur das künstlerische Budget ist flexibel. Bei der Höhe der Kürzungen führt das dazu, dass wir im schlimmsten Fall eine Inszenierung streichen müssen. Mit den Wahlen im September werden politisch die Karten wieder neu gemischt. Auch diese Unbekannte muss in der Planung berücksichtigt werden.
DG: Wie blickst du auf die vergangene Spielzeit zurück, in der die ersten, durch die Kürzungen entstandenen Herausforderungen gemeistert werden mussten?
LGV: Uns ist es zum Glück gelungen, dank der finanziellen Unterstützung und des Engagements des Freundeskreises der Vaganten, in diesem Haushaltsjahr auf das Streichen einer Inszenierung zu verzichten. So konnten wir Ende April entscheiden, dass wir Späti Paradies im November zur Premiere bringen können. Besonders gefreut hat mich natürlich, dass Der Besuch der alten Dame zum Festival Radikal Jung für Junge Regie ans Volkstheater München eingeladen wurde. Das ist eine schöne Anerkennung von Lily Kuhlmanns Regiearbeit. Wir haben mit Prima Facie und Blutbuch unseren Spielplan um wichtige Perspektiven auf aktuelle Themen erweitert, Die Welt von Heute und Gestern bietet eine wichtige Reflextion aktueller politischer Entwicklungen in Europa. Außerdem ist es uns gelungen mit Die Brücke von Mostar unsere Kooperation mit der Universität der Künste durch eine Inszenierung mit Schauspielstudierenden auszubauen. Alles in allem trotzte das Haus mutig den finanziellen Einschnitten und versucht weiterhin dem Publikum ein spannendes Programm zu bieten.