Hinter den Kulissen
Bühnen- und Kostümbildnerin Clara Wanke im Gespräch mit Dramaturgin Daniela Guse
DG: Wie würdest du deine Arbeitsweise als Bühnen- und Kostümbildnerin beschreiben?
CW: Ich lese natürlich zuerst den Text und gehe in eine tiefe Auseinandersetzung mit dem Thema. Beim ersten Lesen entstehen sofort erste Bilder von Räumen und Figuren. Dann fange ich an zu skizzieren und recherchiere. Ich schaue, was mich interessiert und gehe wie mit einer Linse durch die Stadt. Ich beobachte Menschen und Orte. Für diesen Teil des Prozesses habe ich gern Zeit. Es ist mein Lieblingsmodus in der Arbeit.
Ich beginne eigentlich immer mit dem Raum. Ich suche nach einer Frage, die das Stück für mich räumlich stellt. Wenn ich diese Frage gefunden habe, entwickle ich daraus meine künstlerische Position. Was möchte ich erzählen? Ich erzähle gern mit dem Raum Geschichten und überlege, was ich erzählen will und wie das durch die Bühne und die Kostüme umgesetzt werden kann. Ich möchte den Text und seine Themen sinnlich erzählen und erfahrbar machen. Die Antwort auf diese Frage kann unterschiedlich ausfallen, denn jedes Stück braucht etwas anderes. Manchmal ist der Raum opulent, manchmal reduziert. Das Entscheidende ist, dass jedes Element etwas erzählt und Möglichkeiten zum Spielen gibt. Es ist eine Recherche und Formfindung, ein Experimentieren im Raum, im Modell. Das tolle ist: Was ich mir ausdenke, wird Wirklichkeit, wenn die Schauspieler:innen auf der Bühne sind und der Raum zu eine Art Mitspielerin wird. Dann ist mein Prozess abgeschlossen. Ich fühle mich manchmal wie eine Archäologin. Ich grabe nach dem, was für mich essentiell ist und schaue, was es wirklich braucht. Alles andere wird weggelassen.
DG: Wie viel Einfluss hat die Zusammenarbeit mit der Regie auf diesen Prozess und auf deine Entwürfe?
CW: Das gehört natürlich zusammen. Ich würde sagen, es ist immer ein Austausch und im besten Fall entsteht ein Gesamtkunstwerk. Für mich gehören Regie, Bühnen- und Kostümbild sehr eng zusammen. Was für Regeln hat beispielsweise der Raum? Das gehört zur Inszenierung dazu. Mir ist schon wichtig, eine eigene künstlerische Position zu entwickeln, auf Augenhöhe mit der Regie. Aber es geht nur zusammen. Wir müssen beide schauen, was uns interessiert, wo tauschen wir uns aus, wo weckt sich Neugier. Ich würde sagen, wir arbeiten erst einzeln und kommen dann zusammen.
Dennoch würde ich schon sagen, dass meine Räume eigene Regeln mit sich bringen. Sie dürfen auch herausfordern. Wenn das mit den Schauspieler:innen entdeckt, genutzt und verändert wird, dann wird der Raum zur Mitspielerin oder zur Doppelgängerin, manchmal von Figuren. Manchmal auch ein eigenes Lebewesen. Das finde ich toll, wenn das entsteht. Manchmal braucht es auch eine echte Auseinandersetzung mit dem Raum, weil er Widerstand bietet und man am Ende merkt: Ah, das kann der Raum auch noch erzählen. Wenn er eigene Fragen mitbringt, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Der Raum ist dann nicht einfach nur Hintergrund.
DG: Für Die Welt von Heute und Gestern und Blutbuch hast du eine relativ opulente Ausstattung gewählt. Du wirst auch für unsere nächste Premiere Späti Paradies wieder die Ausstattung verantworten. Kannst du schon verraten, was das Publikum in dieser Inszenierung erwarten wird?
CW: Für Späti Paradies habe ich mich intensiv mit den Fragen beschäftigt: Was sind Orte? Was ist Erinnerung? Was passiert mit Raum und Zeit? Was passiert, wenn Orte verschwinden? Hier in Berlin leben wir in einer Stadt, wo Begegnungsorte immer mehr verschwinden, zum Beispiel durch Gentrifizierung. Was bedeutet es einen Platz zu haben oder zu finden? An einem Ort zu bleiben oder ihn zu verlassen? Wo passiert gesellschaftliche Veränderung? Das finde ich sehr spannend.
Ich denke gerade viel über textile Architektur nach. Ich liebe es, wenn Bühnen leer anfangen und sich langsam füllen. Deshalb finde ich es spannend über Vorhänge mit Ansichten von Spätis nachzudenken. Ein Vorhang ist flüchtig, sodass Ansichten von Spätis entstehen und auch wieder verschwinden können. Wenn sie verschwinden bleibt die Frage, was zwischen den Beziehungen, zwischen den Figuren bleibt, wenn die Orte verschwinden.